Fr, 16. Dez 2011

STEREO MC´S

„Manchmal ist man an einem Punkt, wo man glaubt, man kann alles”, sagt Nick Hallam. Für ihn und seinen langjährigen Partner bei den Stereo MC’s, Rob Birch, war das Musikerleben lange Zeit von dem Kampf um kreative Freiheit geprägt – die sie aber nicht so sehr mit der Musikbranche und den Plattenfirmen ausfechteten, als vielmehr mit sich selbst und den selbst gesetzten Grenzen. Für viele Popfans sind die Stereo MCs die Band aus den frühen 90er Jahren, als ihre dritte LP “Connected” zwei Brit Awards gewann und Millionen Exemplare verkaufte. Danach verschwanden sie für viele für ein gutes Jahrzehnt von der Bildfläche. Wie ihr neues Album “Emperor’s Nightingale” nahe legt, ist die wahre Geschichte hinter dieser Band etwas kompliziert und vor allem sehr faszinierend. Hallam und Birch waren Freunde aus Nottinghamshire, die nach London zogen und dort Hip- Hop entdeckten, im Goldenen Zeitalter des Rap Mitte bis Ende der 80er-Jahre. Hallam und Birch wurden zu Großbritanniens ersten globalen Rap-Stars und ebneten den Weg für die Plan Bs and Dizzee Rascals der Folgezeit. Als erste Rapband, die britische Rockfestivals bespielte, schafften sie es überall und nirgends reinzupassen: Sie traten live auf mit Größen wie U2 oder Happy Mondays, mit Living Color und Peter Gabriel, mit Jane’s Addiction und De La Soul. Sie waren stets die Ausnahme von allen Regeln: Der Rap-Act, den auch Rockfans mögen, der Dance Act zu dem auch Indie-Fans tanzen, die gefragten Remix-Produzenten für Madonna genauso wie für die Jungle Brothers. Die erste Single, „Move It“, basierte auf einem Casio Keyboard-Sound über einem Drumbeat,

gesampelt von einer Cover-Version von Stevie Wonder’s Superstition. Mit dem dritten Teammitglied DJ Cesare, wandten sich Rob and Nick in der Folge dem Live-Zirkus zu – mit ihrem ersten Club Pas begannen die Reisen mit dem Nachtbusnetz quer durch London. Bald nahmen sie ihre erste LP auf, „33 45 78“, für £15,000; die Aufnahme erschien 1989 auf dem bandeigenen Gee Street Label, mit der Unterstützung von Island im Hintergrund. Es half, sich einen Namen zu machen – auch wenn kaum jemand vermocht, das ungewöhnliche Gebilde aus idiosynkratischen Raps, fantasievollen Breakbeats und souligen Melodien musikalisch irgendwo zu verorten. Die Verkäufe waren nicht groß, aber das Potenzial schien groß genug für Island, um ein Folgealbum zu finanzieren. „Supernatural“ entstand in Hallams and Birchs Wohnung und wurde im New Yorker Calliope finalisiert, wo schon De La Soul ihren Klassiker 3 Feet High & Rising aufnahmen, in nicht weniger als zwei Wochen andauernden Nacht-Sessions – das Studio war preiswerter während den Stunden, wo niemand es benutzen wollte. Jairobi von A Tribe Called Quest kam dazu und schlief unter dem Mischpult, als er kein Taxi mehr bekam, das ihn zurück nach Queens brachte. Afrika Baby Bam von den Jungle Brothers war ebenfalls vertreten; und die Stereos konnten sogar honorige Mitglieder von De La und Tribe’s Native Tongues Rap Family gewinnen. Ihr musikalisches Fundament hatte sich nun deutlich erweitert. Der Schlagzeuger Owen Rossiter (Bühnenname: Owen If) wurde rekrutiert, um den Sound zu bei den Gigs mit Alternative Rock Bands verbreitern, zu denen die Stereos jetzt immer öfter eingeladen wurden. Sängerin Cath Coffey wurde gewonnen, um den Soul- und Pop-Elementen einen Gospel-Touch zu verleihen. Das 1990er Album war erneut kein Verkaufsschlager, aber die „Elevate My Mind“ Single war immerhin ein Top 20 Hit in den USA. Die Band spielte Gigs in Los Angeles und war überrascht eine große Latino-Fangemeinde vorzufinden, da der Song von spanischsprachigen Radiosendern massiv gepuscht wurde. Was folgte, war dennoch völlig unerwartet. Das zwei Jahre später folgenden Album „Connected“ sorgte anfangs für Irritation in dem Plattenlabel. „Ich erinnere mich, wie wir in das Promotion- Department gingen und der Typ sagte, ‚Ja, ich mag das Ding, aber ich weiß nicht so richtig, was ich damit machen soll'“, erinnert sich Nick. Doch dieses Dauerproblem der Stereos verwandelte sich plötzlich in ihre große Stärke. Niemand wusste, wie man ihre Mischung aus Groove, Soul, Melodien und inspirierten Raps nennen sollte, aber das bedeutete auch, dass keine Zuhörergruppe ihren Sound als den ihren beanspruchen konnte. Das Album und sein Titeltrack, der die erste Single wurde, sorgte allerorts für Begeisterung. Die Single bescherte ihnen ihren ersten Top 20-Hit in Großbritannien, das Album verweilte fast ein Jahr in den Album Charts, in der Spitze auf Platz 2, und gewann zwei Brit Awards. Die Stereos wurden zu einer der größten Bands der Insel. „Es war, als wenn es einen Weg gibt, der total verstopft ist“, erklärt Rob. „Und dann gibt es da diesen anderen Weg auf dem wir waren, auf dem du eine klare Vision davon hast, was du machen willst, und niemand anderes nimmt diesen Weg. Genau so hat sich das angefühlt. Niemand anders ging in diese Richtung, wir hatten die Straße ganz für uns allein. Es war das Größte – bis wir Connected machten und die Leute begannen, ebenfalls auszuprobieren, was du alles machen kannst wenn du nicht den gängigen Regeln folgst.“ Die Bereitschaft der Gruppe mit allen Bands zu Touren, deren Fans sie gewinnen konnten, zahlte sich aus und brachte sie auf ein neues Level. Sie fanden sich auf der Bühne in großen Fußballstadien wieder, als Support von U2, deren Single die Beiden geremixt hatten. Sie spielten im Golden Gate Park in San Francisco – als Teil der WOMAD-Tour mit Lenny Kravitz und Peter Gabriel, vor einer Viertel Millionen Menschen. Aber selbst auf dem Höhepunkt des Erfolgs stimmte etwas nicht. „Genauso wie wir nie in ein konkretes Genres passte, waren wir ebenso wenig eine typische

Erfolgsband“, sagt Rob. „Wir hatten diesen ganzen Scheiß, den man mit typischen Erfolgsbands assoziiert nicht. Nach Gigs war man sehr allein. Ich erinnere mich, dass ich danach meist alleine durch die Straßen lief. Selbst als wir die Brit Awards bekamen, war ich gedanklich irgendwo anders. Ich hab das gar richtig realisiert. Wenn du auf der Bühne spielst, bist du ein Tier. Musik ist dann dein einziger Freund: Es gibt nur dich und die Musik. Das ist die Schönheit des Ganzen.“ Doch zwei Jahren des konstanten Tourens in der Folgezeit von „Connected“ lastete auf der Kreativität der Beiden. Eine Art Schreibblockade machte sich breit. Exakt als von ihnen erwartet wurde, den Status als Multiplatin-Band mit wartenden Limos am Flughafen und globaler Bekanntheit zu festigen, stießen sie an eine Grenze. „Wir waren viel zu weit weg“, sagt Nick. „Man verliert den Kontakt zu den Dingen. Ich habe das glaube ich schon Millionen Mal gesagt: Es war kommerzieller Selbstmord in gewisser Weise, dass wir damals nicht direkt noch ein Album nachgeschoben haben.“ Doch Rob ergänzt: „Wenn Du einen Albumhit gelandet hast, und du weißt warum – dann weißt du auch, es gibt nur genau einen solchen Record. Die Musik veränderte sich, und es war nicht mehr dasselbe was im Radio gespielt wurde, wenn du nach Hause kamst. Du merkst dann, dass eine Phase zu Ende geht, willst bleiben was du bist, musst dich aber ändern. Das ist echt eine schwierige Sache.“Ihre Unentschlossenheit und ihr selbst gewählter Hang zu einer etwas mürrischen Haltung führte zu einigen kuriosen Entscheidungen. Das Duo lehnte Remixanfragen für Massive Attack und David Bowie ab. Robbie Williams, der Robs komplette Lyrics der 1988er Single On 33 auswendig konnte, bat die Beiden sein Solo-Album zu produzieren. Die beiden verneinten. Sie steckten stattdessen viel Energie in andere Projekte: Ihr Label Natural Response veröffentlichte Tracks der britischen Rap-Größen wie Hijack und MC Mell ‚O‘ und der von ihnen hochgezogene Verlag Spirit Songs half Künstlern wie Finley Quaye und Jurassic 5 zu weltweiter Beachtung. Ihr erstes frisches Material seit Connected veröffentlichte das Duo erst 1999 auf einem DJ-Mix- Album („DJ Kicks“ auf !K7). Das Follow-Up folgte 2001 mit „Deep Down & Dirty“. Nachdem

sie die halb ausgereiften Ideen, die sie jahrelang mit sich herum schleppten, einfach über Bord geworfen hatten, entstand diese Aufnahme in ihrem neuen Studio auf der berüchtigten „Front Line“ in Brixton, dem Stadtteil Süd-Londons, den die Stereos lange ihr Zuhause nannten. Die Aufnahmen waren geprägt von einem rauen, erdverbundenen Funk und einer dublastigen Tiefe. Das Album schaffte es immerhin in die UK Album Charts unter die Top 20 und einige Fans finden bis heute, es ist das beste Werk des Duos aller Zeiten. Doch, wie wry graphic im Q magazine betonte: der Entstehungsprozess des Albums dauerte länger als der Zweite Weltkrieg. Die über die Jahre in die Höhe geschossenen Erwartungen und die unvermeidbare Tatsache, dass sich das Album wohl nicht besser verkaufen würde als Connected, bedeutete von vornherein, dass sich wie ein enttäuschendes Comeback anfühlen würde. Die Band tourte und versuchte das alte Spiel wieder aufzunehmen, doch alles hatte sich verändert in der Zwischenzeit: Die Musik, die Industrie und sie selbst. Als das 21. Jahrhundert fortschritt, taten sich die Stereos mit Island zusammen und begannen den dritten Akt ihres kreativen Lebens. 2005 kehrten sie zurück mit dem Album „Paradise“, veröffentlicht auf dem eigenen Label Graffiti, schlossen gut drei Jahre später daran an, mit dem elektronischeren „Double Bubble“. Beide Aufnahmen waren stark genug für sich genommen, aber im Rückblick betrachtet, waren sie eher vorübergehende Stationen auf einer längeren Reise. „Paradise war in gewisser Weise, eine Auseinandersetzung mit uns selbst in Tonform”, sagt Rob. „Eine Reflexion unserer Vergangenheit und dessen, was wir unterwegs durchgemacht haben. Double Trouble ging mehr in Richtung ‚Richtig – ich glaube wir sind wieder Teil der Gegenwart, wir haben wieder eine Ahnung von dem was abgeht und was wir daraus machen‘. Sie waren definitiv Zwischenstationen zu wichtigeren Dingen.“ Und mit „Emperor’s Nightingale“ bekommen wir nun zu hören, was diese „wichtigeren Dinge” sind und wie sie klingen. Endlich befreit von dem Connected-Status gleichsam musikalischer Meilenstein und Kreativquelle sein zu müssen, machen Hallam und Birch nun, was sie schon seit langem tun wollten: nämlich Hip Hops befreiende Philosophie dazu zu nutzen, Musik zu schaffen, die keinen Regeln folgt außer ihren eigenen. Sie sind ausgebrochen aus ihrem Kernzirkel langjährigen Freunde und Bühnen-Kollaborateure und haben – zum ersten Mal überhaupt – mit anderen Künstler zusammen komponiert: mit Bruce Woolley (bekannt durch seine Arbeit in den 70er und 80er-Jahren mit Trevor Horn – er war Co-Autor von Video Killed the Radio Star und Slave to the Rhythm), Nathan Drake und Greg Fleming (die bekannt sind unter dem Namen Deekline and Wizard für ihre Breaks oder als The London Punks für ihre Live-Identität). Befreit von dem Zwang zu rappen, nur weil es von ihnen erwartet wird, singt Rob nun stattdessen auf dem Album. Vieles machten die Stereos anders als sie es sonst getan haben: Statt Grooves auf Sample-Loops und Beats aufzubauen haben sie sich nun auf Old-School Jam Sessions gestützt – mit Bass, Gitarre, Drums und Vocals. Ein Sound, der zweifellos diejenigen überraschen wird, die glaubten die Stereos genau zu kennen, weil ihr Connected-Sound seit Jahren in Handy-Werbespots um sie herum schwirrt oder weil sie sich nostalgisch an „Elevate My Mind“ erinnern. Für treue, langjährige Fans jedoch, die mit Rob und Nick aufgewachsen sind und ihre Sound-Abenteuer auf allen Wegen begleitet haben, werden die Aufnahmen wie der logische nächste Schritt klingen – in Richtung einer Band, der es immer darum ging, dem wahren Hiphop- Gefühl grenzenloser Kreativität und Freiheit zu folgen. „Wir mussten Musik machen wirklich neu lernen“, gesteht Rob ein. „Aber wenn Du beginnst Fortschritte zu sehen und Dich Sounds schaffen hörst, die du vorher nie gemacht hast, kommt der Enthusiasmus zurück. Du entwickelst wieder ein Gefühl für die Sache und merkst, was Du alles machen kannst. Es fühlt sich an, als wenn wir aus dem Dunkeln herausgetreten sind.“

Conrad Sohm
Boden 1, 6850 Dornbirn
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